top of page

Harmonie, Gesundheit & Leistungssteigerung - das Potenzial eines ausbalancierten Reitersitzes

Aktualisiert: 27. Nov. 2023

Jede Reitsportart ist einzigartig in den Anforderungen an Reiterin und Pferd. Als Endurancereiterinnen verbringen wir die längste Zeit auf dem Pferd - im Training und im Wettkampf. Ausserdem begegnen wir als Ausdauersportlerinnen ganz anderen Herausforderungen, als ein Springreiter oder eine Dressurreiterin. Egal ob 30 oder 160km: über viele Kilometer und Stunden hinweg sind wir die Piloten unserer Pferde und tragen die Verantwortung, sie gesund ins Ziel zu bringen. Je nach Rennen und Geschwindigkeit sind die Herausforderungen unterschiedlich. Doch im Grunde müssen wir konzentriert reiten, und stets auf die Gegebenheiten reagieren können. Sei es eine wechselnde Bodenbeschaffenheit, Auf- und Abstiege, Temporegulation und die Kommunikation mit unserem Pferd. Wie also wird man all den Anforderungen gerecht?


Ich habe meine Fragen an Frauke Behrens, langjährige Sitzschultrainerin (und noch vieles mehr, siehe ganz unten) gestellt. Welche Aspekte der Reiterei und des Sitzes sind für EndurancereiterInnen essentiell, um die Pferde gesund über die Strecke zu begleiten?

 

Frage: Ich will meine Reiterei verbessern - wo beginne ich?

Antwort: Jede Disziplin beginnt und endet mit dem Sitz des Reiters. Wichtig ist eine wertfreie, beobachtende Bestandsaufnahme. Wir haben zwei Körper, die sich zusammen bewegen wollen. Wo bin ich schief, wo ist das Pferd schief, wo sind wir beweglich und unbeweglich? Wie passen wir in unseren Persönlichkeiten zusammen? Wo sind meine Stärken und Schwächen und wo sind die Stärken und Schwächen meines Pferdes?

 

Wie weiss ich, dass ich einen guten Sitz habe?

Ich sehe es immer am Pferd. Wir haben als Menschen alle unsere Handicaps und der Körper entspricht nicht der Norm. Diese «andere Form», beispielsweise der Wirbelsäule, kann den Sitz verändern. Beispielsweise ein starkes Hohlkreuz. Wenn die Reiterin ihre Biomechanik, unbeachtet dieser Gegebenheit, verändert, kann das die Biomechanik des Pferdes einschränken. Ein Reiter, der mit einem starken Hohlkreuz vermeintlich gerade sitzen möchte, und die Brustwirbelsäule automatisch zu weit nach hinten bringt, sitzt hinter der Bewegung und bremst unentwegt das Pferd. Ein guter Sitz ist daran messbar, dass sich das Pferd in seiner Biomechanik vollkommen frei entwickeln kann. Es arbeitet sowohl über die Bauch- als auch über die Rückenmuskulatur. Die Hinterhufe schlurfen nicht mit den Zehen über den Boden, was man meist erst in Zeitlupe sieht. Der Hals wird frei getragen und dient dem Pferd als Balancierstange. Je nach Ausbildungsstand soll es dem Pferd möglich sein, sich alleine zu tragen. So kann der ganze Akt der Bewegung wie eine Welle das Pferd durchlaufen. Aus dem Sprunggelenk, über den Rücken, über die Halswirbelsäule bis zu den Kiefergelenken. Dafür ist eine ruhige, gleichmässige Hand wichtig. Ich möchte meinem Pferd die Möglichkeit geben, seine Balance unter mir zu finden. Die Reiter fragen sich immer, wie diese Balance aussieht, da das Pferd doch vier Beine hat. Der Grund ist, dass die Wirbelsäule des Pferdes sowohl als auch die Wirbelsäule des Reiters sich dreidimensional bewegen. In einzelnen Phasen muss das Pferd auf einem oder zwei Beinen stehen. Durch die gegenseitige dreidimensionale Verdrehung der Wirbelsäule des Pferdes und des Reiters muss das Pferd jegliche Dysbalance ausgleichen. Es gilt herauszufinden, wo ich mich als Reiter über meinem Schwerpunkt und dem Schwerpunkt des Pferdes am besten ausbalancieren kann.


Was denkst du, erwartet ein Endurancepferd von seiner Reiterin, damit es seine Aufgabe erfüllen kann?

Ich würde es vergleichen mit Ski Alpin. Die Belastung liegt darin, dass man eine lange Strecke mit hoher Geschwindigkeit zurücklegen muss, und auch die Bodenverhältnisse sich ändern. Um sich den Bodenverhältnissen als Reiterin und Pferd anpassen zu können, ist es wichtig, dass der Reiter immer in den oben genannten Schwerpunkten ausbalanciert bleibt. Das bedeutet, dass die im Reiterkörper eingebauten Federungen im Sprunggelenk, im Knie, den Hüftgelenken und der Wirbelsäule frei einsetzbar sind. Diese Federung funktioniert immer dann einwandfrei, wenn die dazugehörige Muskulatur sowohl in Mikro-, als auch in Makroprozessen sich einbringen kann. Die dazugehörige Dehnbarkeit ist dafür notwendig. Hierfür ist ein leichter Sitz mit leicht gewinkelten Knien anzuraten. Der Reiter braucht eine gute Kondition und sollte locker 10km joggen können. Um sich über den Füssen beim Reiten ausbalancieren zu können, bedarf es einer guten Bauch- und Rückenmuskulatur. Wenn ein Reiter wettkampfmässig 160km reiten will, sollte er locker 100 Kniebeugen, 50 Liegestütze und 250 Situps absolvieren können. Nicht nur, weil es irgendeiner Norm entspricht, sondern weil ich als Partner meines Pferdes im Wettkampf eine gewisse Kondition benötige. Jeder Sportler, der in Wettkämpfe geht, bereitet seinen Körper für den Wettkampf vor.


Wie wichtig ist die Schiefe im Endurance für eine lange, gesunde Karriere?

Die Schiefe ist das grösste Problem in der Pferdewelt. Auf meinem Reitsimulator Jean-Paul konnte ich im Laufe der Jahre feststellen, dass die grösste Herausforderung in den Schiefen der Reiterinnen liegt. Dabei hat sich herausgestellt, dass das Ausbildungsniveau des Reiters keinen Unterschied gemacht hat. Die Schwierigkeit für die Pferde ist es, unsere Schiefe auszubalancieren.


Hast du dich bereits mit deiner Schiefe auseinandergesetzt?

  • 0%Ja

  • 0%Nein



Wie wirkt sich die reiterliche Schiefe auf Pferde aus, die im Sport gehen?

Wenn ein schiefer Reiter auf einem schiefen Pferd sitzt, kommt es auf Dauer zur Mehrbelastung der Muskeln und Gelenken. Diese dauerhafte Überlastung zeigt sich als Vorbote in Blockaden der Kreuzdarmbeingelenke, am ersten und zweiten Halswirbel sowie in den Fesselgelenken. Die weiteren Symptome und Folgen sind Rückenschmerzen und Sehnenverletzungen.


Was passiert, wenn wir an unseren Schiefen arbeiten?

Dir Reiterin muss lernen, ihre Hilfen neu zu justieren, da das Pferd nicht mehr gegen die Schiefen anarbeiten muss.  


Gibt es eine Verbindung zwischen Sitz und Leistung?

Auf jeden Fall, das gilt für jede Reitweise. Gerade beim Endurance ist es wichtig, dass ich in die Bewegung des Pferdes komme. Sitze ich hinter der Bewegung, ist das, als würde ich einen Berg hochlaufen mit einem zu tiefsitzenden, schweren Rucksack.


Gibt es eine Verbindung zwischen Sitz und sonstiger Gesundheit des Pferdes?

Jeder Wirbel ist mit einem Organ nerval und faszial verbunden. Wenn der Rücken regelmässig verspannt ist, kann dies zu weiteren Problemen führen.


Welchen Einfluss haben negative und positive Emotionen auf den Sitz?

Ein Mentaltraining ist bei Spitzensportlerinnen jeglichen Couleurs Routine. Es geht dabei darum, seinen Fokus zu 110% auf den Moment zu haben. Das bedeutet, keine Ablenkung durch aufkommende Gedanken, und ein absolutes Verschmelzen in der Bewegung. Alle Gedanken und Emotionen haben Einfluss auf unser Energiefeld, das wir aufbauen und unsere Muskulatur. Das nimmt das Pferd in jedem Fall immer und zu jedem Zeitpunkt wahr. Daraus ergibt sich, besonders im Wettkampf, zu 110% auf das Hier und Jetzt fokussiert zu sein.


Schaffst du es, während dem Reiten im Moment zu bleiben und dich nicht von deinen Gedanken beeinflussen zu lassen?

  • 0%Ich bin gedanklich immer vollkommen bei meinem Pferd

  • 0%Die meiste Zeit versuche ich es

  • 0%Es fällt mir sehr schwer

  • 0%Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht



 

 

Frauke Behrens...

...ist seit 23 Jahren Sitzschultrainerin. Sie ist Physiotherapeutin, Heilpraktikerin für Physiotherapie und Trainieren CFN. Sie hat weltweit Seminare zum Thema Sitzschulung gegeben und coacht inzwischen mit ihrem Reitsimulator Jean-Paul ReiterInnen in allen Reitweisen und Leistungsklassen. Sie kommt aus Schleswig-Holstein, Flensburg.


 


 

Leute, die mehr wissen

 







 

 

 

 

 

 




73 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Comments


bottom of page